Montag, 6. August 2007

Reggaeton in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung

Es liegt in der Luft ein Hauch von Benzin

Von Konstantin Riffler

Reggaeton-Star: Daddy Yankee lässt es blitzen
02. August 2007
Was früher Salsa war, ist heute in vielen Metropolen Süd- und Mittelamerikas der Reggaeton. In Clubs, auf Partys und Konzerten, sogar in den öffentlichen Bussen, ist jener treibende und für die Musik charakteristische „Dem Bow“-Rhythmus zu hören. Doch nicht nur zwischen Chile und Mexiko hat Reggaeton eine große Anhängerschaft, sondern seit einigen Jahren auch in den lateinamerikanischen communities der Vereinigten Staaten: In den Clubs vieler großer Städte wird zu den harten Beats getanzt, und spezielle Radiosender, die sich auf das Genre spezialisiert haben, spielen rund um die Uhr die neuesten Stücke.

Der Reggeaton-DJ Denis Maurizio, der in deutschen Clubs auflegt, führt die Popularität der Musik auf einen Generationswandel zurück: „Latinos sagen, sie fänden sich in der Musik selbst wieder. Sie hatten Merengue und Salsa als klassische Stile. Aber etwas Modernes, das die Jugendlichen repräsentiert, die dort auf der Straße in Gettos leben, gab es nicht, bis Reggaeton kam. Diese Musik ist ihr Sprachrohr.“


Ein Millionengeschäft


Deutsch-kubanischer Sänger: Lucry aus Berlin

Inzwischen ist der Stil in den Vereinigten Staaten ein Millionengeschäft: Der Song „Barrio Fino“ von Daddy Yankee, dem wohl bekanntesten Reggaeton-Sänger, verkaufte sich allein gut eine Million Mal. Im amerikanischen Musikmarkt konnten die Größen dieser Musik auch noch auf andere Weise Fuß fassen: Kooperationen zwischen Hiphop-, Pop-, Reggae-Größen auf der einen Seite und Reggaeton-Künstlern auf der anderen Seite sind für beide Seiten gleichermaßen prestigeträchtig geworden. Selbst berühmte Musiker wie R. Kelly, Jennifer Lopez und Beenie Man haben die künstlerischen und kommerziellen Möglichkeiten erkannt und arbeiten bei einzelnen Aufnahmen und Auftritten mit den Aushängeschildern der Szene zusammen.

Gründe für die Popularität des Genres in den Vereinigten Staaten finden sich sowohl in der Musik selbst als auch in seinen darüber hinausgehenden kulturellen Ausprägungen wieder. Seine Verbreitung auf dem amerikanischen Kontinents verdankt es auch der charakteristischen Beziehung von Sprache und Inhalt in den Liedern: Die Texte selbst sind in der Muttersprache der lateinamerikanischen Gemeinschaften gehalten, die Inhalte der Songs sind gesamtamerikanischer Natur, sie betreffen die Alltagsrealität von Jugendlichen sowohl aus den süd- und mittelamerikanischen als auch den nordamerikanischen Großstädten: Sie handeln vom Leben auf der Straße, von der Gewalt im Viertel und natürlich von Frauen, Sex und Partys wie in Daddy Yankees Superhit „Gasolina“ mit den zweideutigen Refrainzeilen „Ihr schmeckt das Benzin“. Sexuelle Anspielungen in den Texten sind Teil der Verkaufsstrategie.


Sex mit Kleidern


Sexuell aggressiv wirkt auch der beliebte Tanzstil Perreo, was frei übersetzt „es tun wie ein Hund“ bedeutet. Bei diesem ausdrucksstarken Tanz werden sexuelle Szenen tänzerisch nachgestellt, weshalb auch unverhohlen von „Sex mit Kleidern“ gesprochen wird. In den Vereinigten Staaten kam es an einigen High Schools zum Eklat, als Eltern erfuhren, dass ihre Kinder auf Schulpartys Perreo und vergleichbare einheimische Stile tanzten.

Obwohl die Ursprünge des Genres in Panama liegen und das Land eine längere Tradition vorweisen kann, kamen die entscheidenden Entwicklungen aus Puerto Rico: Hier fusionierte die Musik mit anderen Musikstilen wie dem Reggae aus Jamaika, lateinamerikanischen Stilen wie Bomba und Plena, kubanischen Elementen und House-Musik, aber vor allem mit nordamerikanischem Hiphop. In den Anfängen galt Reggaeton als Musik der Straße und war in den oberen Schichten wegen seiner sozialkritischen Inhalte und seiner Herkunft verhasst. Heute erfreut sich keine andere Musik in Puerto Rico größerer Beliebtheit, auch dank ihren gefeierten Koryphäen wie eben dem auf der Insel geborenen Sänger Daddy Yankee.


Expansion nach Norden


In den Vereinigten Staaten spielte New York für die kommerzielle Verbreitung von Reggaeton eine wichtige Rolle, aber auch für seine musikalische Weiterentwicklung. So vermischten hier Musiker aus der Dominikanischen Republik und aus Puerto Rico Ende der neunziger Jahre Elemente aus Merengue und Salsa mit Hiphop- und Reggae-Elementen. Die entscheidenden Entwicklungen und Einflüsse kamen allerdings weiterhin aus Puerto Rico. Im Vergleich zu Salsa verlief die Verbreitung also in umgekehrter Richtung: von Mittelamerika expandierte Reggaeton nach Norden. Salsa, die Musik der Elterngeneration, wurde hingegen in den lateinamerikanischen Vierteln New Yorks geboren und verbreitete sich erst dann als Exportschlager in Lateinamerika und später in der ganzen Welt.

Doch nicht nur der Sprechgesang in den Songs, auch die Attitüden der Musiker und die begleitenden Embleme stammen aus dem Hiphop. Materieller Wohlstand wird plakativ in Szene gesetzt: mit teuren Turnschuhen, dicken Goldketten oder Dollarnoten, die auf den Internetseiten bekannter Künstler auftauchen. Spärlich bekleidete Frauen, schnelle Autos und Motorräder sind allgegenwärtige Macht- und Statussymbole. Und auch die ausgestellte Getto-Herkunft ist an die Mythen der Hiphop-Kulturindustrie angelehnt.


Teil der Hiphop-Kultur


Der Produzent Ivan Joy nennt Reggaeton deshalb auch „die Zeitung der Straße“. Wohlstand ist für die Musiker, die mit Mord, Gewalt und Drogen groß geworden sind, der greifbare Beweis, den Aufstieg geschafft zu haben. Vico C., einer der Pioniere des Reggaeton, der etliche Sänger beeinflusst hat, beschreibt die Musik deshalb auch als einen Teil der Hiphop-Kultur: „It is essentially Hip Hop but with a flavor more compatible with the Carribean. The rhythm is different but the essence is the same.“

Die europäischen Großstädte hat Reggaeton aber erst im neuen Jahrtausend erreicht: In Spanien fand der Stil trotz seiner vielen Einwanderer aus Latein- und Mittelamerika erst mit dem Sommer 2003 größere Aufmerksamkeit. In Deutschland sollte es hingegen noch zwei Jahre dauern, bis die Musik von einer breiteren Öffentlichkeit wahrgenommen wurde. Hier brachte erst „Gasolina“ als Sommerhit des Musikfernsehens vor zwei Jahren den Durchbruch. Die meisten deutschen Künstler leben in Berlin, wie auch der Sänger Lucry, der im letzten Jahr mit nur sechzehn Jahren sein Debütalbum „El Latino Aleman - Die Mischung macht's“ herausbrachte. Der Titel erscheint wie eine Hommage an die eigene Herkunft: Seine Mutter ist Deutsche, sein Vater Kubaner. Die Musik Lucrys ist durch diese beiden Wurzeln geprägt: Die Rhythmen stammen vom Reggaeton, mit dem er auf Reisen durch Kuba in Berührung kam, die Texte sind in Deutsch verfasst.


Beschleunigung durchs Internet


Denis Maurizio glaubt allerdings, dass die Szene in Deutschland noch in den Kinderschuhen stecke, vergleichbar mit dem Hiphop zu Zeiten des Hits „Die da“ der „Fantastischen Vier“. Doch im Vergleich zum weltweiten Siegeszug des Hiphop in den achtziger Jahren beschleunigt das Internet die Verbreitung auf rasante Weise. Über das Netz finden auch die Stücke wenig bekannter Künstler aus Lateinamerika den direkten Weg in amerikanische und europäische Clubs. Denis Maurizio, der selbst ein Internetportal für Reggaeton betreibt, lädt sich viele Songs von Seiten hierzulande völlig unbekannter Musiker herunter. Doch bis Berühmtheiten wie etwa der ebenfalls aus Puerto Rico stammende Don Omar auch live zu sehen sind, wird wohl noch Zeit vergehen; die geforderten Honorare sind immens, und noch ist das Risiko zu groß, dass die Konzertsäle nur halb voll werden.

Doch wenn man inzwischen etwa auch mitten im winterlichen Helsinki auf große Reggaeton-Partys treffen kann, dürfte die massenhafte Verbreitung dieses Genres über Südamerika und Latin-Communities hinaus nur eine Frage der Zeit sein. Und auch wenn Reggaeton bislang nur wenigen ein Begriff ist, so finden Elemente und Versatzstücke der Musik in Liedern von Dancehall-, Hiphop- und Pop-Größen ihren Weg in die Clubs und CD-Regale. So werden die Musikstile, die die Wurzeln dieses Genres sind, wiederum selbst zum Werbeträger und Verbreitungsmittel. Doch ob in Reinform oder in diversen Mischungsverhältnissen: Schon bald wird der „Dem Bow“-Beat nicht mehr zu überhören sein.

Text: F.A.Z., 02.08.2007, Nr. 177 / Seite 38
Bildmaterial: Sony BMG, Universal Music